Der PIWI-Wein ist Zukunft pur
Wie bleibt etwas jahrtausendealtes lebendig, wenn sich Klima, Umwelt und Erwartungen radikal verändern? Die Antwort wächst leise, oft unterschätzt – und trägt einen etwas sperrigen Namen: PIWIs.

Was sind PIWIs eigentlich?
PIWI steht für pilzwiderstandsfähige Rebsorten. Gemeint sind Reben, die so gezüchtet wurden, dass sie von Natur aus widerstandsfähig gegen klassische Pilzkrankheiten wie echten und falschen Mehltau sind. Krankheiten, die im herkömmlichen Weinbau regelmäßig mit Fungiziden bekämpft werden müssen – oft mehrmals pro Saison.
PIWIs dagegen kommen mit dramatisch weniger Pflanzenschutz aus. Nicht, weil sie „chemiefrei gelassen“ werden, sondern weil sie genetisch gelernt haben, sich selbst zu verteidigen. Das macht sie nicht künstlich, sondern erstaunlich robust. Eine Art Immunsystem im Weinberg.
Die Chance für Winzer: weniger Druck, mehr Freiheit
Für Winzerinnen und Winzer bedeutet das vor allem eins: Handlungsspielraum. Weniger Spritzfahrten, weniger Verdichtung der Böden, weniger Abhängigkeit vom Wetterfenster „es darf jetzt bitte nicht regnen“. In Zeiten von Hitzeperioden, Starkregen, Wassermangel und neuen Schädlingen ist das kein Luxus, sondern Überlebensstrategie.
PIWIs erlauben viele Verbesserungen
geringeren Wasserverbrauch
deutlich reduzierte Pestizidbelastung
stabilere Erträge auch in extremen Jahren
mehr Fokus auf Bodenleben und Biodiversität
Und sie eröffnen sensorisch neue Wege. Denn PIWIs wollen nicht zwanghaft Bordeaux oder Burgund kopieren – sie erzählen ihre eigene Geschichte.
Europas Weinkeller und die große Skepsis
In weintraditionellen Regionen Europas galten PIWIs lange als Außenseiter. Zu experimentell. Zu wenig „typisch“. Zu jung. Weinbau lebt von Herkunft, von Wiedererkennbarkeit, von vertrauten Aromen. Und genau hier lag der Konflikt: Was passiert, wenn sich Tradition und Notwendigkeit begegnen?
Langsam, sehr langsam, ändert sich das Bild. Nicht, weil PIWIs „besser“ wären, sondern weil sie ehrlich sind. Sie passen sich nicht dem Etikett an, sondern dem Ort. In einer Zeit, in der klassische Sorten unter Hitze leiden oder Säure verlieren, werden PIWIs plötzlich interessant – nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung.
Weltweit gedacht: Weinbau unter Druck
Global gesehen ist der Druck noch deutlicher. Regionen mit Wassermangel, steigenden Temperaturen oder aggressiveren Schädlingen können sich intensiven Pflanzenschutz kaum leisten – ökologisch wie wirtschaftlich. PIWIs ermöglichen dort überhaupt erst langfristigen Weinbau. Nicht spektakulär, sondern pragmatisch.
Delinat und der Blick aufs Ganze
Das Schweizer Weinunternehmen Delinat beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit genau diesen Fragen: Wie kann Wein entstehen, ohne Böden auszulaugen, Wasser zu verschwenden oder ökologische Systeme zu zerstören? PIWIs spielen dabei eine Rolle – nicht als Heilsversprechen, sondern als Baustein in einem größeren System aus Biodiversität, lebendigen Böden und minimalem Eingriff.
Wie schmeckt das alles? Ein Streifzug durchs Glas
Bei einem kleinen Wintertest kamen 5 Flaschen auf den Tisch, eine sechste wurde noch für wärmeres Wetter aufgehoben. Denn nicht nur die Bedingungen im Glas beeinflussen die Wahrnehmung und die Genussmöglichkeiten maßgeblich, auch die Außentemparatur verändert den Blick auf das große Ganze. Nicht ohne Grund schmecken Weine im Urlaub ganz überragend, während der gleiche Tropfen zuhause nur ein laues Lüftchen erzeugt. Also bleibt der Abenteurer namens Aventura sorgfältig verschlossen. Alle anderen müssen sich den altbekannten Kriterien beugen und Farbe, Nachhall und Co. direkt preisgeben.
Koo Kuu Rot
Ein Wein, der zeigt, dass Widerstandsfähigkeit nichts mit Härte zu tun hat. Mandel und Süßkirsche treffen auf getrocknete Pflaume, die Säure hält alles zusammen, der Alkohol ist warm eingebettet. Der Abgang bleibt lange, ohne adstringent zu werden. Kein Muskelspiel – eher ein ruhiger Nachhall.
Koo Kuu Weiß
Honig. Und zwar viel. Kaum Frucht, dafür samtige Süße, fast lieblich, ohne klebrig zu wirken. Ein Wein, der keine Angst hat, zugänglich zu sein. Perfekt für Menschen, die sagen: „Ich mag eigentlich keinen Wein“ – und dann plötzlich doch.
Savian
Rhabarber, Kräuter, eine eher zurückhaltende Nase. Kein lauter Raumfüller, sondern ein Wein, der sich langsam entfaltet. Fruchtig-kräutrig, eigenständig, fast ein Gespräch statt eines Monologs.
Mariage Rouge
Erinnert an Spätburgunder, ohne ihn zu imitieren. Weich, samtig, mit feiner Säure. Ein gutes Beispiel dafür, wie vertraut PIWIs wirken können, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren.
Resistente
In der Nase eher leise, am Gaumen dann marmeladig, mit Kirsche und Fruchtfülle. Kein Duftfeuerwerk, dafür ehrlicher Geschmack.
PIWIs erzählen Zukunft – mit Spaß
Vielleicht ist der nächste Punkt das wirklich Entscheidende. PIWIs sind nicht moralisch, sie sind praktisch. Sie wollen nicht belehren, sondern funktionieren. Sie ermöglichen Wein mit weniger Pestiziden, mehr Gelassenheit im Weinberg und neuen Aromen im Glas.
Und sie bringen etwas zurück, das im Wein manchmal verloren geht: Neugier. Probieren ohne Schablone. Trinken ohne Erwartungsdruck. Wein als Spiel, nicht als Statussymbol.
Die Zukunft des Weins wird nicht ausschließlich PIWI sein. Aber ohne PIWIs wird sie schwer vorstellbar.
